Hinter den Kulissen: Anekdoten aus dem Lager

"Hätte Putin auf einer Bühne gestanden, wir hätten den Krieg mit Kuscheltieren beenden können." Ein Bericht von unserer Lagerkoordinatorin Sarah Schmidt.

Hallo! Mein Name ist Sarah Schmidt und ich arbeite als Koordinatorin im Lager der Spendenbrücke.

Hergefunden und geblieben bin ich aus zwei Gründen: Einerseits, um meiner Wut, Angst und Fassungslosigkeit über den russischen Überfall auf die Ukraine etwas entgegenzusetzen, um eine konkrete, fassbare Hilfe zu leisten und andererseits wegen dem hier:

Als ich kam, sah das Lager so aus:

Wobei die richtig krassen Fotos von dem Spendenberg, der uns fast überrollte, noch viel dramatischer aussehen.

Als mittlerweile hauptamtliche Koordinatorin bin ich die, die euch, die freiwilligen HelferInnen, ständig um etwas bittet: Stellt die Kartons bitte so auf die Paletten, dass sie nicht überstehen. Würdet ihr bitte auf jeden Karton zwei Zettel kleben, auf denen der Inhalt steht. Achtet bitte auf die vorgegebenen Sortierungskategorien. Und könnte noch jemand schnell dies? Und jemand anderes das? Und jenes auch? Super! Danke!

Ich habe, glaube ich noch nie so oft Danke gesagt, wie hier. Und das möchte ich jetzt auch noch mal tun, ganz offiziell: Danke. Wir haben euch nämlich wirklich viel zugemutet. Und ihr kommt einfach trotzdem wieder.

Und darum sieht es jetzt manchmal so aus im Lager:

Ihr kommt einfach immer wieder, obwohl wir zum Beispiel bis vor kurzem nie genug Kartons hatten. Und wenn wir welche hatten, passten die nicht mit den Paletten zusammen, auf denen sie für die Transporte in die Ukraine gestapelt werden müssen.

Und trotz der Probleme mit dem Paketklebeband. Es gibt nämlich gutes Band und schlechtes Band. Wirklich. Und das schlechte, das ist einfach eine Zumutung. Aber eben manchmal das einzig vorhandene.

Und wenn alles passt, die Paletten, die Kartons, der Inhalt, die Folierung, dann kann immer noch das hier passieren:

Oder das gesamte Lager muss innerhalb einer Woche von hier nach da ziehen.

In den ersten Wochen des Lagers war allen klar, dass die Kartons, in denen wir die Spenden sortieren, natürlich beschriftet werden sollten. Und so beschriftete jede und jeder munter drauflos. Ich wusste bis dahin nicht, wie viele unterschiedliche Sortiermöglichkeiten es gibt.

Nach Farbe, Geschlecht, nach Größe, Zustand, oder auch Zweck, für manche gehörten Gürtel selbstverständlich mit in den Hosenkarton, ist doch logisch, für andere ist ein Gürtel ein klarer Kandidat für den Karton Hilfsmittel. Wie Brillen oder Schuhanzieher. Dritte meinten, Gürtel seien Accessoires und so  etwas wie Tücher. Die wiederum sehr gut zu Regenmänteln passen könnten. Und das Verrückte ist: Alles stimmt. Irgendwie jedenfalls.

Mittlerweile haben wir ein System, das gut funktioniert. An jedem Karton kleben zwei Zettel auf Deutsch, Englisch und Ukrainisch. Ha!, sage ich da, es geht voran! Weil ihr alles mittragt, jede Quatschidee, aber auch jede gute. Und jede Idee, die irgendwo zwischen Quatsch und toll liegt. Wie die, das alles, was in Kartons gepackt wurde, gezählt werden musste. Also hing an jedem Karton eine Strichliste, egal ob darin Socken oder Bettdecken lagen….

Der deutsche Zoll, so hieß es, würde die Transporte ohne genaue Deklaration nicht durchlassen. Also zählten und strichlisteten wir. Ich bin mir nicht sicher, warum, aber plötzlich brauchte niemand mehr diese Strichlisten. Vielleicht war alles nur ein Gerücht, vielleicht hat der Zoll einfach aufgegeben, vielleicht gab es entspanntere Regelungen, ich weiß es nicht. Bin aber sehr froh, dass wir nicht mehr zählen.

Und obwohl wir seit kurzem angefangen haben, bereits sortierte Kleidung nochmal zu sortieren, weil wir im März vergessen hatten, dass im Sommer niemand in der Ukraine Winterkleidung braucht, wir damals Kleidung aber eben nicht nach Jahreszeiten getrennt hatten, macht ihr mit und kommt immer wieder. Das ist einfach großartig und auch dafür Danke.

Ein Mysterium des Lagers sind die Spenden selber. Zeitweise hatten wir zum Beispiel mehr Kuscheltiere, als allen Boybands zusammen auf die Bühnen geworfen wurden. Viel, viel mehr.

Hätte Putin auf einer Bühne gestanden, wir hätten den Krieg mit Kuscheltieren beenden können.

Seit März sammeln wir auch für die Bahnhöfe Spenden, hauptsächlich Hygieneprodukte. Bei Windeln ist es merkwürdigerweise so: Gespendet werden Windeln Größe 4, vermutlich weil man denkt, diese Größe liegt so etwa in der Mitte, da kann man nicht viel falsch machen. Die passt den meisten Wickelkindern. Gesucht werden aber Windeln der Größen 5, 6 und 7. Warum? Ich habe keine Ahnung. Größe 4 liegt ein bisschen wie Blei im Lager.

Bei manchen Spenden rätseln wir zusammen, um was es sich handeln könnte:

Andere sind einfach nur sehr lustig:

Oder mysteriös:

Bei anderen wiederum läuft jedem Anwesenden einfach das Herz über. Zum Beispiel hat eine Berliner Grundschule Geld gesammelt und davon Spenden gekauft. Die Erwachsenen haben einen Teil gekauft und das waren tolle Spenden, Nah-rung, Hygiene, was man eben gut gebrauchen kann.

Mit dem anderen Teil des Geldes waren die Kinder einkaufen. Und die wissen einfach ganz genau, was andere Kinder brauchen. Was in jeder Situation tröstet:

Hin und wieder liegen zwischen den Spenden Nachrichten, die an uns gerichtet sind. Und die jedem, der sie liest, ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Manchmal erreichen uns auch Botschaften, die Schulklassen gemalt haben und die wir oben in die fertig gepackten Kartons legen, damit sie in der Ukraine als Erstes gesehen werden.

Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich vergesse, was die Aufgabe dieses Spendenlagers ist. Es scheint dann, als wäre das Lager Selbstzweck. Vor etwa einer Woche war so ein Tag.

Bis Imma mit ihrer Tochter kam. Sie ist Ukrainerin aus Charkiw, seit März in Berlin und hat jetzt endlich eine eigene Wohnung für sich und ihre kleine Tochter bekommen. Mit ihr kam eine Freundin, die übersetzte. Sie kann eigentlich alles gebrauchen und so guckten wir alles an, was wir an Hausrat zu bieten haben.

Möchtest du Töpfe? Ja, gerne, habt ihr auch eine Pfanne. Ja, hier bitte. Brauchst du einen Bettüberwurf? Ja, aber der ist zu groß. So ging es hin und her. Habt ihr einen Wecker? Nein, aber möchtest du ein Sparschwein?

Wir alberten herum und lachten viel und irgendwann fand ich einen Karton mit Kerzen. Wie wäre es mit Kerzen? Da hinten sind auch Kerzenständer. Und da wurde Imma plötzlich ganz ernst. Nein, bitte keine Kerzen. Die erinnern sie an den Bunker, da gab es kein anderes Licht.

Und zack-wusste ich wieder ganz genau, warum es dieses Lager überhaupt gibt. Warum ich und alle anderen tun, was sie tun. Weil Krieg ist.

Und damit die kleine fast vierjährige Tochter von Imma mit einem rosa Barbiehaus, einem Hüpfball, einem Zauberstab und einem hellblauen Glitzerelfentüllkleid in ihr neues Zuhause hüpfen kann.

Und das geht eben alles nur wegen euch! Danke.

Auch du willst Geschichte schreiben?

Wir suchen immer wieder helfende Hände im Lager. Hier findest du alle Infos zu den Aufgaben und der Link zum Anmeldeformular. Du kannst auch einfach während unserer Öffnungszeiten vorbeikommen, doch damit auch immer genügend Ansprechpersonen für euch da sind wäre die Anmeldung hilfreich für unsere Planung. Danke!

Downloads

No items found.

Mehr Geschichten von der Spendenbrücke